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Strafen führen nicht zum Ziel

Artikel aus wireltern mit Interview von Helena Weingartner 07.06.2018
Artikel erschienen in "wireltern 6/2018"
Text Veronica Bonilla Gurzeler, Illustrationen Patric Sandri

 

Es muss endlich gesagt sein: Strafen haben im Alltag mit Kindern nichts zu suchen. Denn sie schaden mehr, als dass sie nützen.

 

Es ist nicht nur ein Umdenken nötig, sondern auch ein Umfühlen.

Lange Zeit war klar: Wenn Kinder nicht tun, was und wie Eltern oder Schule wollen, sich nicht an die Regeln halten, müssen sie bestraft werden. So harsch wird das heute kaum mehr formuliert, doch sieht die Realität in den allermeisten Kindergärten, Schulen und auch im familiären Umfeld genau so aus.

Zwar ist die Körperstrafe im schulischen Alltag schon länger nicht mehr anzutreffen. Die sogenannte verhaltensorientierte Strafe - nachsitzen, wenn die Hausaufgaben zum wiederholten Mal vertrödelt wurden oder Ausschluss von einer Aktivität, wer den Unterricht stört - ist weit verbreitet. Fast noch düsterer sieht es zu Hause aus. Liegen die Nerven blank, rutscht Eltern schon mal die Hand aus. Laut Bundesamt für Statistik erlebten in der Schweiz 2012 rund 40 Prozent der Kinder unter vier Jahren körperliche Gewalt als Erziehungsmassnahme. Buben sind dabei häufiger betroffen als Mädchen.

 

Der Klaps aufs Hinterteil stellt nur die Spitze des Eisbergs dar. Viel öfter erleben Kinder verbale, psychische oder emotionale Gewalt – indem wir sie abwertend kritisieren und mit ihnen schimpfen, wenn uns etwas nicht passt. Sie anschreien oder nötigen im Stil von "wenn du jetzt nicht aufhörst, aufräumst, aufisst, dann ..." Zeigen die ausgesprochenen Drohungen keine Wirkung, schicken wir Widerspenstige ins Zimmer, streichen das Dessert, verhängen ein Medienverbot oder, besonders schlimm, bestrafen mit Liebesentzug.

"Es ist eigenartig, dass wir meinen, wir könnten Kinder anders behandeln als Erwachsene", sagt Helena Weingartner, Erziehungsberaterin und Gordon-Trainerin in Buttisholz (LU). In ihren Kursen macht sie mit den Eltern ein Gedankenexperiment:

"Stellen Sie sich vor, Ihre Partnerin hat vergessen, Benzin zu tanken, obwohl Sie sie darum gebeten haben. Als Konsequenz davon verbieten sie ihr, bis Ende Woche das Auto zu brauchen. Oder Ihr Partner kommt zu spät zum Znacht - zur Strafe darf er nun nicht Fussball schauen." Wie würden wir wohl reagieren?

Sicher nicht erfreut. Völlig klar, dass ein solcher Umgang miteinander der Beziehung schaden würde. Auch die Eltern-Kind-Beziehung leidet, wenn Strafen und deren weichgespülte Spielart, die Konsequenzen, den Familienalltag verseuchen. Das mag ein Grund sein, dass wir uns mies fühlen, wenn wir merken, dass wir unsere Überlegenheit den Kindern gegenüber ausgenutzt haben. Das schlechte Gewissen meldet sich, ebenso das Gefühl, versagt zu haben. Zu Recht! "Strafen ist nichts anderes als Machtausübung durch Zwang", sagt Weingartner. Kurzfristig funktionieren die Sanktionen zwar, denn wir erreichen in der Regel das gefragte Benehmen. Doch langfristig richten sie Schaden an, darin sind sich Psychotherapeutinnen, Pädagogen, Hirnforscherinnen und sogar die Epigenetik einig.

Verändertes Genom

"Allen Formen von Gewalt ist gemein, dass sie die Grenzen des Kindes verletzen und das Kind so lernt, keine Grenzen haben zu dürfen. Diese Kinder können kein Gespür dafür entwickeln, was Grenzen überhaupt sind", sagt die Pädagogin Katharina Saalfrank in ihrem Buch "Kindheit ohne Strafen". Die Psychotherapeutin Alice Miller hat schon 1980 darauf hingewiesen, dass Gewalterfahrungen die Sicherheit stören, geliebt zu sein, Wut, Ärger und Ängste erzeugen sowie Mitgefühl und Sensibilität für sich und andere untergraben. Ob die Gewalt physisch oder psychisch erlebt wird, spielt eine kleinere Rolle als bisher angenommen: Die amerikanische Hirnforscherin Naomi Eisenberger hat 2010 nachgewiesen, dass emotionaler und körperlicher Schmerz im Gehirn eng verknüpft sind und in bestimmten Gehirnarealen dauerhafte Veränderungen verursachen, die das Verhalten der Betroffenen beeinflussen. Typische Reaktionen sind Stress gefolgt von Rückzug oder Aggression. Die Epigenetik hat zudem gezeigt, dass sich Gewalterfahrungen im Genom abbilden und an spätere Generationen weitergegeben werden. "In meiner Praxis erlebe ich den Schaden in Form von Selbstverletzung, Selbstverleugnung, in der Verweigerung, Verantwortung zu übernehmen, in Suchttendenzen und vor allem Beziehungsschwierigkeiten", sagt Weingartner.

Beziehung statt Erziehung

Die Zeit ist also reif, im Zusammenleben mit Kindern andere, friedlichere und freiheitlichere Wege zu gehen. "Eltern-Kind-Beziehungen sind wärmer geworden", sagt Weingartner. "Viele Eltern erkennen, dass das ständige Schimpfen und Strafen auch ihnen selbst Energie raubt. Ein Vater sagte in einem Kurs: 'Ich habe mein Kind gehauen und meine Hand brennt immer noch.' "

Eine Grundvoraussetzung dafür ist, so der dänische Familientherapeut und Bestsellerautor Jesper Juul, dass wir Kinder als gleichwürdige Wesen wahrnehmen, deren Wünsche, Anschauungen und Bedürfnisse wir ebenso ernst nehmen wie die der Erwachsenen. In einem solchen Menschenbild wird das Kind nicht mehr nach den Vorstellungen und Wünschen von Eltern oder Gesellschaft geformt, sondern erhält die Möglichkeit, es selbst zu sein - und zu werden. Juul geht davon aus, dass das Kind von Geburt an sozial und emotional ebenso kompetent ist wie ein Erwachsener: "Diese Kompetenz, die sich entsprechend der kindlichen Reife äussert, muss ihm nicht erst durch Erziehung, durch die Eltern oder durch Institutionen beigebracht werden."

Nötig ist ein Perspektivenwechsel.

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