Bitte um Ratschlag

Guten Tag Frau Weingartner 

Ich erlaube mir, Sie um einen Rat zu fragen. Es geht um unseren Sohn Max. Er ist jetzt 14 ½ Jahre alt. Er hat seit wenigen Wochen eine Freundin. Im Moment regieren ihn starke Stimmungsschwankungen. Über Tage ist er schlecht gelaunt und weiss dann bei Allen alles besser und ist sehr negativ und wertend drauf.

Mir gegenüber auch verletzend und frech. Oft ist es so, dass am Schluss von einem Essen oder einem Tag alle ziemlich hässig sind. Diese Stimmungsschwankungen wirken sich auf die ganze Familie negativ aus.Ich habe Tropfen, die ich ihm geben kann, die ihm dann oft helfen, aus diesem Chaos wieder raus zu kommen. Doch er verweigert diese. Ich erlebe ihn sehr fordernd, doch wenn er alleine in der Bibliothek ein Buch zurückbringen oder sein Velo alleine zum Mechaniker bringen soll, ist das fast unmöglich. Dann braucht er unsere Unterstützung.  Harte Schale und einen ganz, ganz weichen Kern.  Max ist geprägt vom Gefühl, zu wenig zu bekommen. Er hat ständig das Gefühl, dass wir ihn schlecht behandeln, zu streng sind und seine Geschwister viel mehr bekommen. Immer mit dem IPhone in der Hand geht er durchs Haus. Wir haben eigentlich sehr wenig Regeln diesbezüglich. Doch unter der Woche muss er sein IPhone um 21.30 Uhr in der Küche deponieren. Das passt ihm gar nicht. Ich bin froh, dass Max wenigstens auswärts weiss, was sich gehört und es sehr gut macht. Zu Hause ist dies im Moment eher schwierig und er sagt dann oft „ihr regid mich so uf“und ist hässig. 

Nun gehen wir an Karfreitag ins Berner Oberland zu meinem Mami und werden wie jedes Jahr, eine Woche dort bleiben.Max hat heute eine Anfrage bekommen für eine Geburtstagsparty am Ostermontag von einem Kollegen. Er hat mich nun gefragt, ob dies gehe. Ich habe ihm gesagt, dass wir dann noch nicht zurück sein werden und er doch absagen soll.

Max ist total ausgeflippt, er werde schreiben, dass er komme. Er werde mit dem Zug  am Sonntag nach Hause fahren und dann auch alleine zu Hause sein. Er wolle nicht so lange beim Grosi sein.......... Max war noch nie länger als einen Tag alleine zu Hause, geschweige denn eine Nacht.Ich möchte nicht, dass er alleine über mehrere Tage zu Hause ist. Was meinen Sie?Soll ich stur sein und darauf tendieren, dass er bleibt bis wir alle nach Hause gehen? Wir Eltern und auch seine Geschwister, Janine 12 Jahre und Marcel 10 Jahre, wollen alle bleiben und die Ferien geniessen. Wir werden nachher sicher noch eine ganze Woche zu Hause sein. Ich bin der Ansicht, dass er dann noch genügend Zeit hat, mit seinen Kollegen zu chillen etc. Was ist hier schlau?    

Antwort: Es gibt grundsätzlich drei Möglichkeiten.

1.   Sie können autoritär vorgehen und Max verbieten, alleine nach Hause zu fahren. Dafür gibt es genug vernünftige Gründe. Familie geht vor, Grosi freut sich, die Familie muss sich nicht anpassen, Geld für Billet sparen usw. Ziemlich sicher wird dann Max unglücklich sein, vielleicht rebellieren oder sich zurückziehen. Auch für den Rest der Familie könnte es anstrengend werden.

2.   Sie haben aber auch die Möglichkeit, die eigenen Bedürfnisse nach Nähe und Gemeinschaft mit Max über die Ferientag zurücknehmen und Max erlauben, schon früher alleine nach Hause zu fahren, eigentlich gegen Ihren Willen. Im Sinne von: „Mach doch was wotsch!“. Auch bei dieser Lösung gibt es Verlierende, nämlich Sie selber!

3.   Die dritte Möglichkeit besteht darin, dass Sie eine gemeinsame, für beide stimmige Lösung finden. Irgendwo zwischen den beiden oben genannten. Hören Sie zuerst Max gut zu, warum für ihn diese Party so wichtig ist und wie er sich das vorstellt. Nachdem Sie ihm zurückgemeldet haben (Aktives Zuhören), dass Sie seine Seite sehen, können Sie ihre eigenen Bedürfnisse schildern, in Ich-Botschaften. Zeigen Sie offen, ehrlich und aus dem Herzen, warum Sie gerne mit ihm, der Familie und dem Grosi zusammen sein möchten und warum Sie sich auf diese Tage freuen. Dann sucht ihr zusammen die Lösung. Evtl. könnte er alleine zurück reisen und eine Nacht zu Hause verbringen? Wieder zurück zu Euch kommen? Ich denke so ein wenig allein sein täte ihm sicher gut. Und euch auch! Dabei ist es von Vorteil, wenn er eine Lösung bringt. Halten Sie sich zurück mit eigenen Vorschlägen. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und gutes Gelingen. 

 

Rückmeldung 1 Woche später

Liebe Frau Weingartner

Sie haben mir sehr geholfen mit Ihrer Antwort. Nach Ihrem Mail konnte ich locker mit ihm reden und mir anhören, was denn so viel Stress auslöst. Wir haben wirklich vereinbart, dass er nach Hause fährt, an die Party geht und noch etwas Zeit alleine zu Hause verbringt und am nächsten Morgen wieder kommt.Sein Herz ist sichtbar aufgegangen bei diesem Abkommen. Und es geht allen gut dabei. Erhat auch schon davon gesprochen, was er dann essen wird, wie er es mit dem Zug machen wird........... richtig angenehm.Die Stimmung hat sich ganz stark verbessert. Max nimmt wieder am Familienleben teil und erzählt. Sehr schön für mich. Ich danke Ihnen für den guten Tipp und grüsse herzlich.

 

 

Dieser Artikel wurde geschrieben von Helena Weingartner Brunner, zertifizierte Transaktionsanalytikerin und Gordon-Trainerin. Als eidg. dipl. psychosoziale Beraterin HF führt Sie seit 15 Jahren eine eigene Praxis für Familien, Paare und Einzelpersonen. Sie ist Mutter von drei erwachsenen Söhnen und begleitet viele Elterngruppen als Coach in Erziehungsfragen. Für Firmen und Soziale Institutionen ist sie unterwegs für Kommunikationstrainings und Supervision.